Drittes Rezessionsjahr |
11.03.2025 15:52:00
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Raiffeisen: Österreichs Wirtschaft schrumpft 2025 - Finanzminister erwartet ebenfalls negatives Wirtschaftswachstum
Wifo und IHS gingen im vergangenen Dezember in ihrer Konjunkturprognose für 2025 noch von einem Wirtschaftswachstum in Österreich von 0,6 bzw. 0,7 Prozent aus. Von einer Stimmungswende in Österreich sei nichts zu sehen, weder bei der Industrie noch bei den Verbrauchern, hieß es von Raiffeisen Research am Dienstag. Dazu kämen strukturelle Probleme, Sparpaket und etwaige Trump-Zölle. Fazit von Senior Ökonom Matthias Reith: Österreich steuert auf das dritte aus konjunktureller Sicht "verlorene Jahr" zu. Der private Konsum sei eine der großen konjunkturellen Enttäuschungen des Jahres 2024. Die Einkommensanstiege wurden demnach nicht konsumiert, sondern gespart. "Eine spürbare Belebung des privaten Konsums ist daher fraglich. Der ,Konsumstreik' könnte 2025 in die Verlängerung gehen," folgert der Raiffeisen-Ökonom.
Österreich entwickelt sich zum Europa-Schlusslicht
Die Industrierezession habe sich 2024 nochmals verschärft. Nur 2020 (Corona) und 2009 (Finanzkrise) hatte die Industrie einen noch schwereren Stand, so Reith in einer Aussendung. "Die Güterexporte der Industrie entwickelten sich 2024 inflationsbereinigt in fast keinem anderen Euroland schwächer. Das ist auch Spiegelbild der gestiegenen Exportpreise, die 2024 so deutlich angestiegen sind wie sonst nirgendwo in der Eurozone", rechnete er vor. Reith erwartet, dass die preisliche Wettbewerbsfähigkeit österreichischer Exportunternehmen auch heuer die Exportstatistik belasten wird.
So notwendig das angekündigte Sparpaket der neuen Bundesregierung auch sei, aus konjunktureller Sicht komme es zur Unzeit. "Die Konjunktur steht am Pannenstreifen und benötigte eigentlich Anschubhilfe, stattdessen werden ihr absehbar Steine in den Weg gelegt. Die strukturellen Probleme würden durch eine Anschubhilfe freilich nicht gelöst, die Konjunktur wäre damit quasi mit angezogener Handbremse unterwegs," so Reith. Das angekündigte Konsolidierungsvolumen von 6,3 Mrd. Euro bzw. 1,3 Prozent des BIP dämpfe die Konjunktur um einen halben bis knapp einen Prozentpunkt.
US-Zölle würden Österreich hart treffen
Und auch der Blick über den großen Teich bleibt getrübt. Der US-Markt habe sich in den vergangenen Jahren als wichtige Stütze der österreichischen Exporte erwiesen und damit schwächelnde Ausfuhren zum Beispiel nach Deutschland (teilweise) ausgleichen können. Etwaige Strafzölle könnten Österreich heuer mindestens 0,5 Prozentpunkte Wachstum kosten, so die Einschätzung der Ökonomen von Raiffeisen Research.
Strukturelle Probleme stünden einer stärkeren Belebung im Wege und führten dazu, dass Österreich bei einem kraftvolleren deutschen bzw. europäischen Wirtschaftsaufschwung "nur unterdurchschnittlich partizipieren könnte", heißt es in der Analyse.
Wohlstandsverlust nur in wenigen Ländern größer
Die reale Wirtschaftsleistung habe Ende 2024 fast vier Prozent unter dem bisherigen Höhepunkt im zweiten Quartal 2022. Erst 2029 dürfte dieses Niveau wieder erreicht werden. "Pandemie, hohe Inflation und teure Energie - die diversen Ausnahmezustände der letzten Jahre haben ihre Spuren hinterlassen, für jede Österreicherin und jeden Österreicher schlagen Wohlstandsverluste von etwa 2.400 Euro zu Buche", rechnete Reith am Dienstag vor. Der erlittene Wohlstandsverlust war demnach nur in wenigen Ländern noch größer.
Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) verwies am Montag auf Statistik-Austria-Zahlen, dass die Wirtschaftsleistung im Vorjahr um 1,2 Prozent geschrumpft ist, nach einem Rückgang um ein Prozent im Jahr 2023. Die Wirtschaftsleistung sank im vierten Quartal 2024 um 0,4 Prozent gegenüber der Vorperiode und damit etwas stärker als im dritten Quartal. Zuletzt ist auch wieder die Teuerung angezogen. Die Inflationsrate in Österreich ist im Februar auf 3,3 Prozent gestiegen, nach 3,2 Prozent im Jänner.
Auch Fnanzminister erwartet negatives Wirtschaftswachstum
Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) erwartet für das heurige Jahr ein negatives Wirtschaftswachstum und damit auch Auswirkungen auf das Budget. Man müsse wohl damit rechnen, dass bei der nächsten Wirtschaftsprognose des WIFO ein negatives Wachstum vorhergesagt wird, erklärte der Ressortchef beim EU-Rat Wirtschaft und Finanzen (ECOFIN) in Brüssel am Dienstag. Am Ziel der ÖVP-SPÖ-NEOS-Regierung, ein EU-Defizitverfahren zu vermeiden, hielt er aber fest.
Es sei klar, "dass es einen engen Zusammenhang zwischen Budget und wirtschaftlicher Entwicklung gibt", sagte Marterbauer beim Doorstep vor Beginn des ECOFIN. "Das heißt, wenn die wirtschaftliche Entwicklung schwächer ausfällt, als erwartet - und das zeichnet sich ja ab für das heurige Jahr, das WIFO (Wirtschaftsforschungsinstitut, Anm.) hat in der Dezemberprognose ein Wachstum von 0,6 Prozent real prognostiziert und wir müssen wohl damit rechnen, dass in der nächsten Prognose ein Minus davor stehen wird - dann hat das Auswirkungen auf die Steuereinnahmen und damit auf den Staatshaushalt."
Regierung wartet auf neue Prognosen
Marterbauer betonte, die Regierung habe sich darauf verständigt, dass man auf Basis der neuen Prognose-Zahlen dann schauen werde, "wie wir damit umgehen". Wichtig sei für ihn der Austausch mit der EU-Kommission.
Zuvor hatte in der Früh Raiffeisen Research eine neue Prognose herausgegeben, die für 2025 ein Schrumpfen der Wirtschaft um 0,7 Prozent voraussagt. WIFO und IHS gingen im vergangenen Dezember in ihrer Konjunkturprognose für 2025 noch von einem Wirtschaftswachstum in Österreich von 0,6 bzw. 0,7 Prozent aus. Im Finanzministerium verwies man auf APA-Anfrage bezüglich der Prognose auf die Aussagen Marterbauers bei ECOFIN, bei dem er sich - generell - zur Wirtschaftssituation äußerte.
Vermeiden von Defizit-Verfahren weiter als Ziel
Einmal mehr betonte Marterbauer beim Doorstep in Brüssel, im Regierungsübereinkommen sei vereinbart, dass ein Verfahren nach einem übermäßigen Defizit zu vermeiden ist. "Wir sind nicht nur extrem bestrebt, das zu erreichen, sondern ganz sicher, dass wir das schaffen werden. Sollten sich neue Umstände ergeben, dann werden wir das diskutieren" - dem wolle er aber nicht vorgreifen.
Gefragt zu den in der EU diskutierten Verteidigungsausgaben, sagte der Minister, auch hier gelte es, die Mittel bestmöglich einzusetzen. "'Koste es was es wolle' kann es in keinem Bereich geben, denn die Mittel sind knapp", sagte er zu diesem Thema. Es sei "ganz wichtig, dafür zu sorgen, dass auch die Verteidigungsausgaben möglichst effizient umgesetzt werden. Wir haben nirgendwo einen Euro einfach so zu vergeben. Die Kassen sind extrem knapp, deswegen müssen auch im Verteidigungsbereich Prioritäten gesetzt werden."
Doppelbudget im Mai im Parlament
Er habe Gelegenheit gehabt, bei der Eurogruppe die Prioritäten der österreichischen Budgetpolitik bzw. Finanzpolitik vorzustellen. Dabei habe er dargestellt, "dass die Sanierung des Budgets im Mittelpunkt steht". Es sei "sehr positiv aufgenommen worden, dass das Parlament letzten Freitag schon die ersten Sanierungsmaßnahmen beschlossen hat". Er habe darstellen können, "dass das mit der Kommission vereinbarte Sanierungspaket auf dem Weg ist". Auch habe er dargestellt, "dass wir ein Doppelbudget 2025/26 anstreben, das wir dann in der ersten Maihälfte ins Parlament bringen werden".
"Gleichzeitig habe ich betont, dass es notwendig ist, bei der Budgetsanierung auf die gesamtwirtschaftlichen Umstände Rücksicht zu nehmen. Wir sind immerhin - wahrscheinlich - im dritten Jahr der Rezession, die Arbeitslosigkeit steigt stark. Wir brauchen auch zusätzliche Maßnahmen, die auch ökonomische Impulse geben. Denn die Budgetsanierung kann ja nur gelingen, wenn sich die Wirtschaft erholt und die Beschäftigung wächst."
APA

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